Ich fühle es – aber es ist nicht meins

Es geht es um Nähe und Verstrickung, um Abgrenzung und darum, warum es speziell bei Neurodivergenz manchmal schwer sein kann zu erkennen, was eigentlich zu einem selbst gehört und was zur anderen Person.

Ich bin auf das Thema gestoßen, als ich in den sozialen Medien einen Beitrag zu Nähe und Verstrickung gesehen habe. Es ging darum, wie schwer es manchmal sein kann, beides voneinander zu unterscheiden. Ich habe mich darin total wiedergefunden, weil man Beziehungsmuster aus früheren Beziehungen oder der eigenen Familie eben auch in spätere Beziehungen mitnehmen kann. Auch wenn man sich damit auseinandersetzt und Dinge verändert, bleiben manchmal noch Reste davon übrig.

Mich beschäftigt vor allem die Frage, wie gut ich eigentlich unterscheiden kann, was zu mir gehört und was zur anderen Person. Neurodivergenz kann ich dabei nicht ausblenden, weil sie ein Teil von mir ist und natürlich auch beeinflusst, wie ich Gefühle, Nähe und Abgrenzung wahrnehme.

Nähe und Verstrickung können sich ähnlich anfühlen und sind trotzdem grundverschieden

Wenn Nähe für mich gut ist, ist irgendwie klar, wer wer ist. Es gibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede und alles davon hat einen Platz, ein bisschen wie in einem gut aufgeräumten Regal. Ich mag mich selbst in der Beziehung, weiß meistens, was ich will, und kann gleichzeitig stehen lassen, dass die andere Person etwas anderes möchte. Meine eigenen Gefühle und Bedürfnisse haben genauso Raum. Augenhöhe und Klarheit sind dabei für mich ziemlich wichtig. Bei Verstrickung hingegen wird es eher diffus oder wolkig. Ich fühle mich selbst nicht mehr so richtig und irgendwann gibt es gefühlt nur noch das Konstrukt der Beziehung, aber die Einzelteile werden schwerer erkennbar. Natürlich kann sich so etwas auch aus ganz anderen Gründen diffus anfühlen. Dieses Verschwimmen der Konturen beschreibt aber ziemlich gut, was mit Verstrickung gemeint ist.

Minuchin, Rosman & Baker (1978) verwendeten den Begriff enmeshment in der systemischen Familientherapie für Beziehungen, in denen Grenzen zwischen Personen sehr durchlässig werden. Green & Werner (1996) haben später detailliert getrennt, was das Konstrukt eigentlich bedeutet: Wärme, gemeinsame Zeit, Unterstützung und Fürsorge sind erst einmal Nähe. Bei Verstrickung geht es stärker darum, dass eigene Gefühle, Bedürfnisse und Wahrnehmungen schwerer von denen anderer zu unterscheiden sind oder dass man sehr stark auf deren emotionale Zustände reagiert.

Diese Unterscheidung ist für mich irgendwie ein Gamechanger. Zwei Menschen können sich sehr nah sein, viel miteinander teilen und sich gegenseitig unterstützen und trotzdem zwei klar erkennbare Menschen bleiben. Das war in meiner Vergangenheit ein wichtiges Learning für mich – und total befreiend. Ich darf einfach nur ich sein!

In neurodivergenten Beziehungen kann mehr gegenseitige Unterstützung notwendig sein

Hier wird die Unterscheidung für mich etwas komplexer. In Beziehungen mit neurodivergenten Menschen können Unterstützung, Rückzug, Reizregulation, feste Routinen oder Hilfe bei Organisation und Exekutivfunktionen eine größere Rolle spielen. Je nachdem, wer beteiligt ist, können sich Bedürfnisse ergänzen oder auch ziemlich miteinander kollidieren.

Ein großer Teil der bisherigen Forschung beschäftigt sich dabei mit Familien. Trew & Russell (2026) haben 102 Studien zu Familien mit autistischen Mitgliedern ausgewertet. Dabei spielten flexible Rollen und Strukturen eine wichtige Rolle und Unterstützung blieb teilweise auch im Erwachsenenalter sehr wichtig. Ein Review von Thom-Jones et al. (2026) zeigt außerdem, dass autistische Eltern Empathie, großes Engagement und teilweise ein besonderes gegenseitiges Verständnis mit ihren autistischen Kindern beschreiben.

Viel Unterstützung, Rücksicht oder Co-Regulation sagt für sich genommen also noch recht wenig darüber aus, ob eine Beziehung verstrickt ist oder nicht. Gerade bei neurodivergenten Menschen kann davon einiges notwendig sein, damit Beziehungen und Alltag überhaupt gut funktionieren.

Für mich sind fremde Gefühle wie eine starke Strömung

Ich kann nicht wirklich sagen, welcher Teil meines Erlebens neurodivergent ist. Ich weiß ja nicht, wie es sich anfühlt, nicht neurodivergent zu sein. Das hier ist mein Nullpunkt. Die Gefühle von Menschen, die mir wichtig sind, können mich teilweise richtig fluten. Wenn jemand frustriert, traurig oder auch sehr glücklich ist, ist das manchmal ein bisschen so, als würde ich am Strand stehen und eine riesige Welle kommt auf mich zu. Mittlerweile weiß ich meistens schon vorher, dass das passiert. Ich habe gewisse Strategien und übe immer noch zu unterscheiden, was eigentlich zu mir gehört und was nicht. Nur weil ich es unterscheiden kann, heißt das aber noch lange nicht, dass es meinen Akku nicht strapaziert.

In ihrer Metaanalyse mit 226 Studien fanden Cusson et al. (2025) deutliche Unterschiede zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen bei kognitiver Empathie (Menschen emotional verstehen), aber wesentlich kleinere bei affektiver Empathie (Menschen emotional fühlen). Gleichzeitig berichteten autistische Personen mehr personal distress, also eigene Belastung durch die Gefühle anderer. Bei ADHS gibt es ebenfalls Hinweise auf Schwierigkeiten mit Emotionsregulation im Erwachsenenalter; Soler-Gutiérrez et al. (2023) haben dazu 22 Studien ausgewertet. Das ist noch keine Verstrickung, zeigt aber, warum Abgrenzung unterschiedlich viel Energie kosten kann.

Bedeutet Mitgefühl auch Verantwortlichkeit? Wenn ja, wie sehr?

Bei mir kommt noch etwas Gelerntes dazu. Ich habe früh gelernt, auf die Stimmung anderer zu reagieren. Ich habe mich angepasst, zurückgenommen oder versucht, die Situation für die anderen irgendwie leichter zu machen. Auch Definitionen anderer über mich habe ich teilweise irgendwann selbst übernommen. Der Impuls zu helfen ist bei mir bis heute ziemlich automatisiert. Wenn es einem Menschen, der mir wichtig ist, schlecht geht, möchte ich etwas verändern, damit es schnell wieder besser wird. Es fühlt sich für mich teilweise bedrohlich an, nichts zu tun, und ich fühle mich schnell schuldig, wenn ich die Verantwortung nicht übernehme. Ein Teil von mir scheint davon auszugehen, dass die Beziehung darunter leiden könnte und ich irgendwie für ihre Qualität verantwortlich bin. Manchmal steckt da noch diese seltsame Annahme drin: Wenn ich mich nur um alles um mich herum kümmere, bin ich sicher. Dabei schiebe ich mich selbst ziemlich schnell in die allerletzte Ecke.

Green & Werner beschreiben bei Verstrickung unter anderem starke Reaktionen auf die Gefühle anderer und übermäßige Verantwortung für deren emotionalen Zustand. Das ist allerdings nicht speziell neurodivergent. Solche Muster können genauso mit früheren Beziehungserfahrungen, Angst, Stress oder anderen Dingen zusammenhängen.

Ich habe lange gedacht, dass ich mich einfach besser selbst regulieren muss. Rückblickend ist daraus aber häufig eher Selbstkontrolle geworden. Ich habe viel darauf geachtet, wie ich mich verhalte, damit ich andere nicht über- oder unterfordere oder „komisch“ rüberkomme. Regulation hilft mir eigentlich dabei, mit meinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen umzugehen. Kontrolle bedeutet eher, sie so zu formen, dass sie für mein Umfeld passend sind.

Nähe fühlt sich sicherer an, wenn beide Menschen auch sie selbst sein dürfen

Ich merke den Unterschied vor allem daran, wie viel Eigenständigkeit eine Beziehung aushält. Sicherheit entsteht für mich, wenn Menschen das, was ich sage, nicht ständig persönlich nehmen oder etwas hineininterpretieren, was gar nicht da ist. Wenn sie mir zeigen, dass sie für ihr eigenes Leben und ihre Gefühle verantwortlich sein wollen und können und gleichzeitig annehmen, wenn ich für sie da sein möchte. Genauso wichtig ist mir, dass meine Gefühle in einer Beziehung da sein dürfen. Sie müssen nicht sofort verändert werden oder verschwinden, nur weil sie unangenehm sind. Eine andere Person darf enttäuscht, traurig oder genervt sein und ich darf das auch. Eigentlich wünsche ich mir von meinem Gegenüber genau das, was ich selbst auch gerne können möchte: da sein, ohne alles übernehmen oder reparieren zu müssen.

Sich anderen zuzumuten gehört für mich deshalb unbedingt zu guter Beziehung dazu. Nur so kann ich erleben, dass andere auch für mich da sein wollen und mich halten können, genauso wie ich das selbst so oft für andere mache. Dieses starke Einfühlen möchte ich dabei gar nicht loswerden. Es ist auch ein Geschenk und kann Verbindung schaffen. Die Balance ist für mich eher, mich selbst darin nicht zu verlieren.

Community Input

1. Grenzen setzen, bevor man überfordert ist

Im ADxS-Forum beschreibt eine Person, dass es ihr viel leichter fällt, außerhalb der angespannten Situation darüber zu sprechen, was eigentlich schon vor der Überforderung passiert. So wissen andere eher, wann Rückzug gebraucht wird und müssen das nicht erst verstehen, wenn Kommunikation sowieso kaum noch möglich ist. 

2. Zwischenstufen sichtbar machen

Im gleichen Thread kam die Idee mit gelben und roten Karten auf. Gelb bedeutet: Es wird gerade zu viel, Kontakt ist aber noch möglich. Rot bedeutet Rückzug. So wird Überforderung sichtbar, bevor gar nichts mehr geht. 

3. Rückzug konkret vereinbaren

In einem anderen Beitrag beschreibt eine Person eine ganz einfache Tür-Regel: Ist die Tür angelehnt, ist Kontakt okay. Ist sie geschlossen, möchte die Person erst einmal in Ruhe gelassen werden. Gerade wenn eine Person Rückzug braucht und die andere diesen den schnell als Ablehnung erlebt, können solche Absprachen Rätselraten ersparen. 

4. Aufgabenbereiche klar verteilen

Auch Mental Load taucht in den Foren immer wieder auf. Eine Person beschreibt zum Beispiel, dass irgendwann kaum noch zu schaffen war, für den Partner Termine mitzuplanen, an Dinge zu erinnern und ständig mitzudenken. Andere berichten, dass feste Aufgaben oder klar aufgeteilte Bereiche im Haushalt besser funktionieren. 

5. Verschiedene Bedürfnisse können gleichzeitig da sein

Rückzug, Ruhe, Nähe oder das Bedürfnis nach einem Gespräch können innerhalb einer Beziehung sehr unterschiedlich verteilt sein. Im ADxS-Forum beschreiben mehrere Personen genau diese Situationen. Gerade wenn die Bedürfnisse weit auseinanderliegen, wird es schwieriger, eine Lösung zu finden, mit der beide leben können.


QUELLEN

FORSCHUNG

Minuchin, Rosman & Baker (1978) – Strukturelles Familienmodell und Enmeshment.

Green & Werner (1996) – Trennt Nähe und Fürsorge von Intrusivität.

Cusson et al. (2025) – Meta-Analyse zu Empathie bei Autismus und „personal distress“.

Trew & Russell (2026) – Familiäre Anpassung, Rollen und Flexibilität bei Autismus.

Thom-Jones et al. (2026) – Erfahrungen autistischer Eltern.

Soler-Gutiérrez et al. (2023) – Emotionsregulation bei Erwachsenen mit ADHS.

ERFAHRUNGEN

ADxS-Forum: Grenzen in der Beziehung – Erfahrungen mit Rückzug, Grenzen und Überforderung in Beziehungen.

ADxS-Forum: Partnerschaftsprobleme – Unterschiedliche Bedürfnisse nach Nähe, Kommunikation und Rückzug.

ADxS-Forum: Chaos im Haushalt – Erfahrungen mit Aufgabenteilung und Organisation im Alltag.

ADxS-Forum: Wenn man feststellt, dass der Partner ADHS hat – Erfahrungen mit Mental Load, Verantwortung und Aufgabenverteilung in Familien.

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