Über Empathie und die Frage, warum wir manchmal unterschiedlich verstehen, was zwischen uns passiert.
Ein hartnäckiges Vorurteil gegenüber autistischen Menschen ist, dass sie keine Empathie besitzen oder sich nicht empathisch äußern. Oder auch, dass sie nicht verstehen würden, was emotional in anderen vorgeht. Sie seien zu rational oder zu hart. Natürlich ist das auch ein Thema, das die Forschung schon seit einer Weile interessiert. In diesem Zusammenhang ist das Konzept des Double Empathy Problem (DEP) entstanden. Der Begriff geht auf Damian Milton (2012) zurück. Es besagt, dass Kommunikation keine Einbahnstraße ist. Es geht ja nicht nur darum, was nicht-autistische Menschen wahrnehmen und als Empathie definieren, sondern es stellt sich auch die Frage, wie autistische Personen Empathie leben, wahrnehmen und äußern. Hier gibt es kein richtig oder falsch, sondern nur ein Anders. Die Perspektive ist der Knackpunkt! Wenn Wissenschaft immer nur aus nicht-autistischer Perspektive betrieben wird und das sogenannte Neurotypische immer der Nullpunkt ist, werden wir einander wahrscheinlich nie verstehen.
Das ändert sich aber gerade in der Wissenschaft und ich möchte in diesem Blogartikel einen kleinen Einblick geben, was unter anderem in den letzten Jahren so herausgefunden wurde. Dazu muss man sagen, dass wissenschaftliche Studien niemals etwas endgültig belegen können. Sie können Hinweise geben oder neue Ideen und Hypothesen generieren. Es ist trotzdem interessant zu lesen, was man in diesen Untersuchungen so entdeckt hat.
Empathie ist nicht gleich Empathie
Dabei hilft es erst einmal, zwei Dinge auseinanderzuhalten. Emotionale Empathie bedeutet vereinfacht, dass ich mit einem anderen Menschen mitfühle. Kognitive Empathie bedeutet eher, dass ich verstehe, was in der anderen Person vorgeht. Ich kann also sehr stark mitfühlen und trotzdem viele Fragezeichen im Kopf haben, weil ich nicht weiß, warum jemand gerade so reagiert oder was genau er braucht. Bei mir ist das ziemlich genau so. Ich fühle stets sehr stark mit, kann mich aber nicht so gut in andere reindenken. Deshalb stelle ich viele Fragen. Ich versuche darüber herauszufinden, was in der anderen Person gerade passiert.
Dass diese Unterscheidung wichtig ist, zeigt auch eine große Meta-Analyse von Cusson und Kolleg:innen aus dem Jahr 2025. Darin wurden 226 Studien zu Empathie bei Autismus zusammengefasst. Bei emotionaler Empathie waren die Unterschiede zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen eher klein. Bei kognitiver Empathie zeigten sich deutlichere Unterschiede. Gleichzeitig hing einiges davon ab, wie Empathie überhaupt gemessen wurde. Das alte Bild von der „unempathischen autistischen Person“ wird damit zumindest ziemlich wackelig.
Wie ein Bild ohne Umrisse
Bei mir kommt noch etwas anderes dazu. Gefühle sind erstmal da, ohne dass ich weiß, was sie bedeuten. Wie ein Bild ohne Umrisse sind sie in mir und ich muss sie erst einmal zusammensetzen. Dann frage ich mich, ob ich dieses Gefühl schon kenne und wenn ja, woher. Darüber kann ich mir selbst auf die Spur kommen. Das ist ziemlich anstrengend, vor allem wenn ich nicht den Raum dafür habe herauszufinden, was dieses Gefühl eigentlich bedeutet und welche Handlung für mich daraus folgt.
Während ich selbst noch versuche zu verstehen, was da in mir passiert, sehen andere aber natürlich schon irgendetwas. Sie sehen meine Mimik (oder auch nicht), meine Stimme, meinen Blick oder meine Art zu reagieren und ziehen daraus Schlüsse. In einer Untersuchung von Cheang und Kolleg:innen wurde dazu folgendes gefunden: Nicht-autistische Personen konnten die Gefühle autistischer Menschen teilweise schlechter einschätzen, besonders Freude und Traurigkeit. Das Problem ist also nicht nur, dass autistische Menschen andere schlechter lesen. Wir werden selbst auch nicht immer besonders gut gelesen. Eine Meta-Analyse von Wanigasekera und Kolleg:innen aus dem Jahr 2025 passt dazu: Autistische Menschen wurden beim ersten Eindruck im Durchschnitt negativer bewertet. Wenn allerdings nur gelesen wurde, was die Personen gesagt hatten, wurden diese Unterschiede deutlich kleiner. Es scheint also eine Rolle zu spielen, wie Stimme, Blickkontakt, Mimik oder Körperhaltung von anderen gedeutet werden!
Wenn andere mir sagen, wer ich bin
Da ich im Laufe meines Lebens ziemlich stark maskiert habe, habe ich anderen lange geglaubt, was sie über mich sagen. Ich hatte selbst gar nicht so richtig einen Zugang dazu herauszufinden, ob das eigentlich stimmt. Wenn jemand mich als kalt oder rational erlebt hat, war das für mich deshalb nicht nur eine Meinung dieser Person. Ich habe oft geglaubt, dass ich tatsächlich so bin und meiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr vertraut.
Dabei kann es bei mir ganz unterschiedlich aussehen. Manchmal maskiere ich am Anfang sehr stark und andere halten mich dadurch leicht für neurotypisch. Irgendwann verbraucht das aber zu viele Ressourcen und ich werde – zumindest nehmen andere das so wahr – kalt und rational. Es kann aber genauso sein, dass ich am Anfang eher rational und unterkühlt wirke, weil ich erst einmal herausfinden muss, ob ich bei einer Person sicher bin. Ich bin aber zu keinem dieser Zeitpunkte weniger empathisch. Eine Studie von Rum und Kolleg:innen aus dem Jahr 2026 fand kaum Unterschiede darin, wie gut autistische und nicht-autistische Menschen Gefühle anderer einschätzen konnten. Auffällig war aber doch etwas: Die autistischen Teilnehmenden schätzten ihre eigene Empathie schlechter ein, obwohl ihre tatsächliche Leistung gar nicht entsprechend schlechter war. Warum das so ist, kann diese Studie natürlich nicht beantworten. Ich finde aber interessant, dass die eigene Einschätzung und das tatsächliche Können offenbar nicht unbedingt dasselbe sein müssen.
Ich habe gelernt, Empathie zu übersetzen
Auch in meiner Sprache wird deutlich, dass ich anders funktioniere. Ich formuliere oft sehr rational, mit Bandwurmsätzen, und ich mag wissenschaftliche Sprache. Für mich ist das nicht falsch oder unempathisch, sondern einfach meine Art. Ich habe im Laufe der Zeit aber gelernt, Floskeln einzubauen, die anderen zeigen oder bestätigen, dass ich sie emotional sehe. Das mache ich nicht, weil sich diese Formulierungen für mich intuitiv richtig anfühlen, sondern weil ich weiß, dass andere sie brauchen. Dadurch zeige ich mich aber immer auch ein bisschen verändert und nicht genauso, wie ich bin.
Dieses Übersetzen passiert für mich in Gesprächen ständig und das ist wahnsinnig anstrengend. Ich habe oft das Gefühl, dass eigentlich immer ich übersetzen muss und dass das bei der Gegenpartei nicht passiert, weil automatisch angenommen wird, dass die nicht-autistische Sichtweise der Status quo ist. Wenn ich diese Übersetzungsarbeit nicht leisten kann, passiert nichts Geheimnisvolles: Entweder ich beende das Gespräch oder Menschen sind vor den Kopf gestoßen. Oft vermeide ich Gesprächssituationen deswegen auch oder suche sehr gezielt aus, welchen Situationen ich mich überhaupt aussetze. Hilfreich sind für mich nicht-autistische Menschen, die nicht so viel bewerten, was sie hören, und mehr bei sich bleiben. Menschen, die mir glauben, was ich sage, und nicht noch mehr hineininterpretieren als ich selbst. Es gibt auch Menschen, die gerade meine Direktheit, Klarheit und Analysefähigkeit schätzen.
Gleicher Neurotyp heißt nicht automatisch gleiche Sprache
Nun könnte man daraus schließen, dass autistische Menschen sich untereinander automatisch besser verstehen. Ganz so einfach ist es aber nicht und auch die Forschung findet dafür bisher keinen klaren Beleg. De Laet und Kolleg:innen fanden 2026 zum Beispiel nicht, dass autistische Menschen andere Autist:innen grundsätzlich besser verstanden. Auch Rum und Kolleg:innen fanden nur einen schwachen Hinweis darauf.
Das überrascht mich nicht besonders. Es gibt ja das Sprichwort: Kennst du eine autistische Person, kennst du eine. Autismus vermischt sich mit der Persönlichkeit und es gibt so viele Persönlichkeiten wie Sand am Meer. Nur weil eine Person auch autistisch ist, heißt das nicht unbedingt, dass ich sie besser verstehen kann. Das hängt von mehr ab als nur davon, ob die Person autistisch ist. Wenn es aber eine Person gibt, die ich mag und die autistisch ist, dann funktioniert es deutlich besser. Wir verstehen uns intuitiv und nutzen eine ähnliche Sprache. Vielleicht liegt darin für mich auch ein wichtiger Teil des Double Empathy Problem. Nicht darin, dass eine Gruppe automatisch empathischer ist als die andere. Sondern darin, dass Kommunikation davon abhängt, wie gut zwei Menschen sich gegenseitig lesen können, welche Sprache sie verwenden und wie viel sie beim anderen voraussetzen. Manchmal gibt es einfach Augenhöhe oder eine gemeinsame Wellenlänge. Das ist, glaube ich, auch nicht unbedingt etwas, was man komplett rational erklären kann.
Und wie gehen andere damit um?
Ich habe mich dazu auch in verschiedenen autistischen Onlinecommunities umgesehen. Die folgenden Ideen stammen aus persönlichen Erfahrungsberichten und sind natürlich keine wissenschaftlich geprüften Empfehlungen.
1. Lieber noch einmal fragen
Viele schreiben, dass sie nachfragen, wenn etwas nicht eindeutig ist, statt zu raten, was gemeint sein könnte. Das kann helfen, auch wenn Rückfragen manchmal selbst wieder als Widerspruch verstanden werden.
2. Direkte Kommunikation einfordern
Einige sagen offen, dass sie klare und direkte Aussagen brauchen. Das funktioniert nicht immer, kann aber Missverständnisse reduzieren, wenn das Gegenüber sich darauf einlässt.
3. Nicht überall gleich viel übersetzen
Masking und das ständige Anpassen von Sprache, Mimik oder Verhalten wird häufig als anstrengend beschrieben. Manche wählen deshalb bewusster aus, bei welchen Menschen und Situationen sie diese zusätzliche Arbeit leisten.
4. Die passende Wellenlänge suchen
Viele erleben Kommunikation mit manchen neurodivergenten Menschen als leichter, andere dagegen überhaupt nicht. Gleicher Neurotyp reicht also nicht – manchmal passt die Sprache einfach zusammen und manchmal nicht.
5. Die Diagnose nennen – oder auch nicht
Manchen hilft es, Autismus offen anzusprechen, weil andere dann konkreter kommunizieren oder Rückfragen besser einordnen. Andere erleben danach eher Vorurteile oder Mitleid. Auch hier gibt es keine Lösung, die für alle passt.
Quellen
FORSCHUNG
- Milton (2012): Ursprung des Double Empathy Problem und wechselseitige Verständigungsprobleme zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen. Zur Studie
- Cusson et al. (2025): Unterschiede zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen bei emotionaler und kognitiver Empathie und der Einfluss der Messmethode. Zur Studie
- Cheang et al. (2024): Wie gut nicht-autistische Menschen die Gefühle autistischer Personen erkennen können. Zur Studie
- Wanigasekera et al. (2025): Erste Eindrücke von autistischen Menschen und der Einfluss davon, ob Personen gesehen, gehört oder nur gelesen werden. Zur Studie
- Rum et al. (2026): Empathische Genauigkeit und die Selbsteinschätzung von Empathie bei autistischen und nicht-autistischen Menschen. Zur Studie
- De Laet et al. (2026): Wie gut autistische und nicht-autistische Menschen die Gedanken autistischer und nicht-autistischer Personen einschätzen können. Zur Studie
PERSÖNLICHE ERFAHRUNGSBERICHTE
Die folgenden Reddit-Beiträge dienen als Anregung, nicht als Wirksamkeitsnachweise. Gelesen am 5. September 2026.
- r/AutismInWomen: Viele Rückfragen stellen, um Aussagen und Situationen eindeutig verstehen zu können. Zum Beitrag
- r/autism: Direkte Kommunikation einfordern und die Erfahrung, dass trotzdem weiter mit Andeutungen kommuniziert wird. Zum Beitrag
- r/AutisticAdults: Schwierigkeiten zu erkennen, wann man maskiert, und Erschöpfung nach sozialen Situationen. Zum Beitrag
- r/AutisticAdults: Masking als ständiges Kontrollieren von Stimme, Mimik, Körpersprache und Wortwahl. Zum Beitrag
- r/autism: Erfahrungen damit, dass Kommunikation mit anderen neurodivergenten Menschen teilweise leichter fällt. Zum Beitrag
- r/AutismInWomen: Unterschiedliche Erfahrungen damit, mit anderen autistischen Menschen zu kommunizieren und Beziehungen aufzubauen. Zum Beitrag
- r/AutisticAdults: Unterschiedliche Erfahrungen damit, anderen von der eigenen Autismusdiagnose zu erzählen. Zum Beitrag

Was denkst du?