Ich will ja – warum geht es trotzdem nicht?

Hier geht es um Motivation, Anfänge und warum ihnen nicht immer ein Zauber innewohnt – sondern manchmal auch Frust und Ratlosigkeit.

Man kann sich theoretisch den ganzen Tag mit einer Aufgabe beschäftigen, ohne sie anzufangen: Die E-Mail ist im Kopf längst beantwortet, der Anruf seit Tagen eingeplant. Und in der Realität? Passiert nichts. Solche Situationen sind vielen Menschen im neurodivergenten Spektrum vertraut. Zum Ärger über die unerledigte Aufgabe kommen dann oft noch Selbstvorwürfe und Unverständnis.

Mich hat interessiert, was das Anfangen eigentlich so schwierig machen kann, deshalb habe ich mir einige Studien zu ADHS und Autismus genauer angesehen. Denn „nicht anfangen“ beschreibt ja erst einmal nur, was von außen zu sehen ist. Ob jemand den Überblick verloren hat, etwas anderes gerade viel interessanter ist oder trotz eines klaren Vorhabens so richtig feststeckt, macht dabei einen Unterschied.

Bei ADHS kann die Belohnung eine Rolle spielen

In einer Studie von Ruth Netzer Turgeman und Yehuda Pollak aus dem Jahr 2026 wurden 640 Erwachsene befragt. Stärkere ADHS-Merkmale hingen dabei mit mehr Aufschieben zusammen. Eine Rolle spielte unter anderem, wie angenehm oder unangenehm eine Aufgabe erlebt wurde und wie schwer es fiel, sich von etwas abzuwenden, das im Moment mehr Freude versprach. Die Untersuchung zeigt Zusammenhänge und kann natürlich nicht sagen, dass bei jedem Aufschieben dieselben Gründe dahinterstecken.

Bei mir selbst ist das Anfangen bei den meisten Dingen tatsächlich gar nicht das große Problem. Da greifen Autismus und ADHS oft ganz gut ineinander. Schwieriger sind eher die alltäglichen Sachen, die keine wirkliche Belohnung versprechen. Sie müssen halt gemacht werden. Ich erledige solche Aufgaben deshalb gern dann, wenn ich sie mit etwas Positivem oder mit etwas verbinde, das sowieso gerade ansteht. Manche Dinge bleiben also durchaus liegen, bis ich ohnehin in die gleiche Richtung muss und sie einfach „mitnehmen“ kann.

Mein Freund macht es wiederum anders. Bei Aufgaben, die ihn nicht besonders interessieren, wechselt er zwischendurch bewusst zu etwas, das er gern macht und ebenfalls am Bildschirm erledigen kann. Danach geht es mit der eigentlichen Aufgabe weiter. So hält er sich die Motivation eher aufrecht. Schon daran sieht man ganz gut, warum allgemeine Tipps zum Thema Motivation manchmal ein bisschen ins Leere laufen. Nicht jedes Gehirn braucht an derselben Stelle dieselbe Unterstützung.

Bei Autismus kann das Wechseln schwieriger sein als das Anfangen

Beim Thema Autismus wird inzwischen auch etwas untersucht, das in der Community schon länger als „autistische Inertia“ bezeichnet wird. Gemeint ist ein Feststecken in einem Zustand: Das kann das Anfangen betreffen, aber genauso das Aufhören oder den Wechsel zwischen Tätigkeiten. In einer Studie von Karen Leneh Buckle und ihrem Forschungsteam aus dem Jahr 2021 berichteten autistische Erwachsene genau von solchen Schwierigkeiten im Alltag. Die Untersuchung war qualitativ und mit 32 Personen relativ klein, dafür ging es sehr konkret um ihre eigenen Erfahrungen.

Bei mir ist das Wechseln deutlich schwieriger als das Anfangen. Wenn ich einmal angefangen habe, bin ich im Fluss. Dann kann ich stundenlang weiterarbeiten und vergesse dabei auch körperliche Bedürfnisse. Ich möchte in diesem Moment eigentlich gar nichts anderes machen und meine gesamte Aufmerksamkeit hängt an dieser einen Sache. Wenn ich dann aufhören oder wechseln muss, kann ich das zwar tun, wenn ich weiß, dass es notwendig ist, aber angenehm ist es nicht. Und wenn ich später wieder zurückkommen möchte, dauert es oft, bis ich wieder richtig drin bin.

Eine neuere Studie von Tara Ward und ihrem Forschungsteam aus dem Jahr 2026 passt dazu ziemlich gut. Dafür wurden 501 Reddit-Beiträge mit fast 10.000 Kommentaren aus autistischen Onlinecommunities ausgewertet. Beschrieben wurde dort nicht nur das Feststecken vor einer Aufgabe, sondern auch das andere Extrem: einmal in Bewegung zu sein und kaum wieder herauszukommen. Die Forschenden beschreiben außerdem, dass Inertia sowohl angenehme Flow-Zustände als auch ziemlich belastende Folgen haben kann.

Das kenne ich ebenfalls. Wenn ich zu lange in einer Tätigkeit bleibe und meine Ressourcen überschreite, bezahle ich dafür hinterher mit einer Art Katergefühl. Das kann ein paar Stunden dauern, manchmal aber auch ein oder zwei Tage, je nachdem, wie sehr ich mich vorher ausgeschöpft habe. Vielleicht gehört zur Frage „Wie fange ich an?“ deshalb manchmal auch die Frage: „Wie höre ich wieder auf, ohne mich dabei komplett leerzufahren?“

Diese Forschung lässt sich trotzdem nicht einfach in „ADHS ist so, Autismus ist anders“ übersetzen. Gerade bei Menschen mit beidem können sich die Dinge verbinden oder sogar gegeneinander arbeiten. Ward und Kolleg:innen berichten zum Beispiel auch davon, dass manche Menschen mit zusätzlichem ADHS mehr Abwechslung suchen, während autistische Inertia eher am bestehenden Zustand festhält. Wie sich das bei einer einzelnen Person zusammensetzt, ist sehr unterschiedlich.

Was könnte im Alltag helfen?

Solche Studien können helfen, etwas genauer hinzuschauen, bevor der nächste allgemeine Tipp zum besseren Organisieren kommt. Vielleicht fehlt nicht die Motivation insgesamt. Vielleicht fehlt einer langweiligen Aufgabe nur gerade jeder Reiz. Vielleicht ist das Problem gar nicht das Anfangen, sondern der Übergang aus dem, was man vorher gemacht hat. Oder eine Tätigkeit ist so schwer zu beenden, dass allein der Gedanke an die Erschöpfung danach schon eine Rolle spielt.

Die folgenden Ideen stammen aus persönlichen Berichten in ADHS- und Autismusforen. Sie können Anregungen geben, sind aber natürlich keine wissenschaftlich geprüften Empfehlungen.

1. Unangenehmes mit etwas Gutem verbinden

Langweilige Aufgaben können leichter werden, wenn gleichzeitig etwas Angenehmes passiert oder sie an etwas gekoppelt werden, das sowieso ansteht. Bei mir funktioniert oft genau dieses „Mitnehmen“.

2. Zwischen Pflicht und Interesse wechseln

Manchen hilft es, bei längeren oder langweiligen Aufgaben zwischendurch etwas zu machen, das mehr Interesse weckt. Für meinen Freund funktioniert das gut, weil die angenehmere Tätigkeit die Motivation für den Rest mitträgt.

3. Einen Übergang nutzen

Manche autistische Menschen berichten, dass kleine Aufgaben leichter gehen, wenn sie ohnehin gerade in Bewegung sind. Wenn man sowieso in die Küche geht, kann man zum Beispiel gleich etwas mitnehmen, statt später noch einmal neu anfangen zu müssen.

4. Gesellschaft kann helfen – muss aber nicht

Für manche funktioniert sogenanntes Body Doubling: Eine andere Person ist einfach da und beschäftigt sich ebenfalls mit etwas. Andere empfinden genau diese Anwesenheit als zusätzlichen Druck.

5. Herausfinden, was eigentlich unangenehm ist

Manchmal liegt die Schwierigkeit an einem sehr konkreten Teil der Aufgabe. In Autismusforen berichten zum Beispiel Menschen, dass Handschuhe beim Abwasch helfen, weil sie bestimmte Berührungen nicht aushalten müssen. Andere finden gerade Handschuhe unangenehm. Auch hier lohnt sich eher die Frage „Was stört mich eigentlich?“ als die Suche nach einer Lösung, die für alle passen soll.



Quellen

FORSCHUNG

  • Netzer Turgeman & Pollak (2026): ADHS-Merkmale, Motivation und Aufschieben bei Erwachsenen. Zur Studie
  • Buckle et al. (2021): Erfahrungen autistischer Erwachsener mit dem Anfangen, Aufhören und Wechseln von Tätigkeiten („autistische Inertia“). Zur Studie
  • Ward et al. (2026): Erfahrungen mit autistischer Inertia in 501 Reddit-Beiträgen und fast 10.000 Kommentaren aus autistischen Onlinecommunities. Zur Studie

PERSÖNLICHE ERFAHRUNGSBERICHTE

Die folgenden Reddit-Beiträge dienen als Anregung, nicht als Wirksamkeitsnachweise. Gelesen am 5. September 2026.

  • r/AuDHDWomen: Unterschiedliche Erfahrungen mit Body Doubling – für manche hilfreich, für andere zusätzlicher Druck. Zum Beitrag
  • r/autism: Erfahrungen damit, kleine Aufgaben mit ohnehin stattfindenden Übergängen zu verbinden. Zum Beitrag
  • r/autism: Handschuhe als Möglichkeit, unangenehme Berührungen beim Kochen oder Putzen zu reduzieren. Zum Beitrag

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