Ich stelle mir die Frage, wer entscheidet, was normal ist. Was passiert, wenn wir „Normalität“ durch Diversität ersetzen?
Ich habe mich gefragt, wie unsere Gesellschaft aussehen würde, wenn neurodivergente Wahrnehmung nicht die Abweichung, sondern der Normalfall wäre. Mit Neurodivergenz sind unterschiedliche Arten gemeint, wie Menschen denken, wahrnehmen und Informationen verarbeiten. Dazu gehören hier zum Beispiel ADHS, Autismus, Tourette, Dyslexie (Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben), Dyspraxie (Schwierigkeiten bei Planung und Koordination von Bewegungen) oder Hochsensibilität (intensive Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen). Ich verwende in diesem Artikel bewusst den Begriff „nicht-neurodivergent“ statt „neurotypisch“. Denn wenn wir darüber nachdenken wollen, ob es überhaupt eine neurologische Normalität braucht, möchte ich sie nicht schon durch meine Sprache voraussetzen (was blöderweise schon durch den Begriff der Neurodivergenz passiert – denn Divergenz ist etwas Abweichendes, von etwas Weg-führendes).
Mir geht es dabei nicht darum, den Spieß umzudrehen und nicht-neurodivergente Menschen jetzt als falsch oder unnormal zu betrachten. Ich finde aber die Frage interessant, warum wir bestimmte Eigenschaften als normal bewerten und andere sofort erklären, behandeln oder in irgendeiner Form ausgleichen wollen. Denn klar haben auch nicht-neurodivergente Menschen Stärken und Schwächen – nur sind diese Schwächen meistens schon ziemlich gut in unsere Gesellschaft integriert und fallen weniger auf. Bei neurodivergenten Menschen ist das sehr oft nicht so.
Eine aktuelle Studie von McLennan und Kolleg:innen aus dem Jahr 2025 hat untersucht, wie Neurodiversität (also neurologische Unterschiedlichkeit) in der Forschung verstanden und beschrieben wird. Ein wichtiger Gedanke dabei ist, neurokognitive Unterschiede auch als Teil natürlicher menschlicher Vielfalt zu betrachten und nicht nur vom Defizit auszugehen. Das bedeutet natürlich nicht, dass es keine Behinderungen oder Einschränkungen gibt, aber vielleicht ist die nicht-neurodivergente Art zu funktionieren auch nicht unbedingt die Perspektive, von der aus alles andere betrachtet und vor allem bewertet werden sollte.
Wenn Direktheit die Norm wäre
Ich werde von Menschen, die mich nicht so gut kennen, häufig als kühl oder distanziert wahrgenommen, manchmal sogar als arrogant. Selbst meine Mutter hat immer wieder gesagt, ich wäre eine kühle Person. Das habe ich lange für mich angenommen, obwohl es gar nicht so ist. Ich bin zu keiner Zeit kühl, gleichzeitig fühle ich auch nicht immer Empathie, aber ich denke auch nicht, dass Empathie zu jeder Zeit nötig ist. Ich finde sehr klare und pragmatische Menschen total angenehm.
Für mich ist es wichtig, meine Realität so aussprechen zu dürfen, wie ich sie wahrnehme. Sie nicht zu beschönigen oder Wörter zu benutzen, die mir nicht entsprechen. Authentizität ist für mich dabei das A und O. Wenn ich spüre, dass Worte, Verhalten und das, was eigentlich dahintersteckt, nicht zusammenpassen, verliere ich schnell das Interesse oder den Respekt vor der Situation und manchmal auch vor dem Menschen. Ich habe dafür sehr feine Fühler, kann aber nicht immer genau benennen, was eigentlich gerade nicht stimmt. Wenn jemand dagegen authentisch ist, kann diese Person fast alles äußern und ich nehme es überhaupt nicht persönlich. Würde direkte Kommunikation als Normalfall gelten, könnte man indirekte Kommunikation genauso gut problematisch beschreiben: Menschen sagen nicht genau, was sie meinen, verpacken wichtige Informationen in Andeutungen und erwarten dann, dass andere erraten, was sie eigentlich sagen oder meinen. Für mich ist genau das oft total verwirrend. Reagiere ich auf die Worte? Auf die Unklarheit? Auf die Ambivalenz? Oder auf das, was ich dahinter vermute?
Zu genau – oder einfach genau?
Mein Freund sagt manchmal, ich hätte einen hohen Anspruch. Für mich ist das aber meine Normalität. Wenn mir etwas wichtig ist, arbeite ich detailliert und genau. Ich kann mich sehr stark konzentrieren und fokussieren und habe wenig Verständnis dafür, wenn Menschen Dinge nur oberflächlich erledigen oder etwas, das sie tun, nicht wirklich ernst nehmen. In meinem Selbstverständnis muss das so sein. Ähnlich ist es mit Sprache. Wenn jemand etwas zu mir sagt, nehme ich es erst immer erstmal ernst. Später kommt dann manchmal: „Das war doch gar nicht so gemeint“ oder „Das war nur Spaß“. Wenn ich sehr bei mir bin, nehme ich diese zweite Ebene gar nicht wahr. Das heißt aber nicht, dass ich keinen Humor habe, ich nehme Menschen einfach so ernst, wie ich selbst ernst genommen werden möchte. Besonders wichtig sind mir dementsprechend Genauigkeit und Klarheit bei Absprachen, Anforderungen oder Dingen, die ich verstehen muss.
Bei ADHS wird inzwischen ebenfalls öfter thematisiert, ob Merkmale, die normalerweise als Schwierigkeiten gewertet werden, in bestimmten Situationen nützlich sind. Rafael und Kolleg:innen haben 2026 insgesamt 125 Studien ausgewertet. Darin tauchten unter anderem interessengebundene Aufmerksamkeit, Kreativität, Flexibilität, Energie und ungewöhnliche Problemlösungen als potentielle Stärken auf. Das bedeutet natürlich nicht, dass Menschen mit ADHS automatisch kreativ oder besonders flexibel sind, aber: ein Merkmal kann in einer Situation stören und in einer anderen ziemlich nützlich sein. Das kenne ich auch aus meiner Arbeit. Ich habe einige Jahre in der Jugendhilfe gearbeitet und wenn Schwierigkeiten besprochen wurden, die Kinder oder junge Menschen betrafen, sind mir oft sehr schnell Perspektiven aufgefallen, die in der geplanten Lösung noch gar nicht berücksichtigt wurden. Besonders häufig fehlte aus meiner Sicht der Blickwinkel der jungen Menschen selbst. Mir fallen dann schnell Fragen oder pragmatische Lösungen ein. Gleichzeitig kann ich es fast nicht aushalten, wenn Menschen sehr lange und kompliziert erzählen, worum es eigentlich geht.
Zu empfindlich oder empfindsamer als andere auf einer dimensionalen Ebene?
Bei sensorischer Wahrnehmung wird diese Frage noch deutlicher. Neonlicht, brummende elektrische Geräte, ein weinendes Kind im Hintergrund oder eine Person, die am Nachbartisch mit einer besonderen Präsenz spricht, können mich ablenken und Stress auslösen. Auf Partys kann ich mich kaum unterhalten, wenn gleichzeitig Musik läuft. In lauten Restaurants reicht manchmal schon eine Person, die zu dicht neben mir sitzt, damit ich mich nicht mehr richtig auf mein Gespräch konzentrieren kann. Gleichzeitig bekomme ich aber auch Veränderungen sehr schnell mit. Ich merke, wenn sich eine Stimmung verändert, auch wenn ich nicht weiß, warum. Ich bemerke kleine Unterschiede in Abläufen, die normalerweise ähnlich sein sollen, oder Details, die irgendwo nicht reinpassen. Je nach Situation kann das nützlich sein, das Problem ist für mich aber, dass diese Wahrnehmung in vielen Umgebungen als zu detailliert oder zu empfindlich eingeordnet wird – was meiner Meinung nach eher Ansichtssache als eine Abweichung von irgendwas ist.
Bei Hochsensibilität wird inzwischen ebenfalls stärker untersucht, wie sehr das Umfeld eine Rolle spielt. Damatac und Kolleg:innen (2025) fanden bei stärkerer Sensory Processing Sensitivity Zusammenhänge mit mehr Stress und Belastung, während in positiven Umgebungen höhere Sensibilität aber auch mit höherer Lebenszufriedenheit zusammenhing. Eine aktuelle Studie von Greven und Kolleg:innen (2026) beschreibt Hochsensibilität als stärkere Empfindlichkeit, Reaktivität und tiefere Verarbeitung von Reizen. Auch hier ist die Eigenschaft also nicht einfach gut oder schlecht, normal oder abweichend, sondern einzuordnen in eine Dimension von menschlichen Ausprägungen.
Die Umwelt spielt auch immer eine Rolle
Dass die Umwelt eine ziemlich große Rolle spielen kann, zeigt sich z.B. im Arbeitsleben. Koldas und Kolleg:innen haben 2025 verschiedene Studien zu Arbeitserfahrungen neurodivergenter Menschen ausgewertet. Hilfreich waren unter anderem flexible Arbeitsbedingungen, Unterstützung und Aufgaben / Jobs, die zu den eigenen Fähigkeiten passen. Eine andere Studie von Weber und Kolleg:innen hat sich zusätzlich mit der physischen Arbeitsumgebung beschäftigt. Dort werden zum Beispiel Lärm, Licht, Rückzugsmöglichkeiten und Kontrolle über die eigene Umgebung als wichtige Kriterien benannt.
Ich merke sehr deutlich, was passiert, wenn zu viele Dinge gleichzeitig nicht mehr zu dem passen, worauf ich mich ursprünglich eingestellt hatte. Einmal sollte ich zu einer beruflichen Fortbildung, zu der ursprünglich eine Kollegin mitkommen wollte. Sie sagte am Morgen krankheitsbedingt ab. Ich habe mich darauf eingestellt und bin trotzdem losgefahren. Dann musste ich über den Hauptbahnhof, die Bahn hatte Verspätung und irgendwann saß ich in der Bahn mit kribbelnden Fingern und einem Gefühl von Überforderung. Erst im Nachhinein kam in einem Gespräch mit einer Therapeutin die Hypothese auf, dass vielleicht die vielen spontanen Änderungen mein System überfordert hatten. Das hat für mich sofort Sinn ergeben. Es macht also einen Unterschied, ob Schwierigkeiten ausschließlich der Person zugeschrieben werden oder ob man auch schaut, ob Umgebung und Person überhaupt zusammenpassen.
Das andere Extrem ist auch keine Lösung
Ich möchte Neurodivergenz hier nicht romantisieren! Es gibt Einschränkungen, die auch in einer sehr passenden Umgebung Einschränkungen bleiben, genauso wenig möchte ich aus jeder diagnostischen Eigenschaft nachträglich eine besondere Stärke machen. Ein gutes Beispiel ist Dyslexie. Es wird gern behauptet, Menschen mit Dyslexie seien besonders kreativ. Eine Meta-Analyse von Majeed, Hartanto und Tan (2021) konnte das insgesamt aber nicht eindeutig bestätigen. Bei Erwachsenen gab es zwar Hinweise auf höhere Kreativitätswerte, insgesamt war der Unterschied jedoch nicht (statistisch!) signifikant. Auch positive Zuschreibungen können also irgendwann wieder zu einer Schublade werden. Menschen müssen nicht beweisen, dass eine Schwierigkeit irgendwo anders durch eine besondere Stärke ausgeglichen wird. Manche Dinge können einem schwerfallen und andere leicht. Das gilt für neurodivergente genauso wie für nicht-neurodivergente Menschen.
Community Input
Ich habe mich dazu wieder in Foren, Blogs und Communities umgesehen. Die folgenden Gedanken stammen aus persönlichen Beiträgen und Community-Perspektiven und sind natürlich keine wissenschaftlichen Befunde.
1. Was normal ist hängt von der Vergleichsgruppe ab
Im ADxS-Forum beschreiben Menschen, dass sich manches lange völlig normal angefühlt hat, weil Freundeskreis oder Familie ähnlich funktionieren. Was auffällt, hängt also auch davon ab, mit wem wir uns vergleichen.
2. Normalität ist eine Definitionssache
Das Institute for the Study of the Neurologically Typical macht genau das satirisch: Nicht-neurodivergentes Verhalten wird dort in derselben defizitorientierten Sprache beschrieben, mit der lange über Autismus gesprochen wurde. Dadurch wird ziemlich deutlich, wie schnell etwas krank klingt, wenn man nur den Maßstab verschiebt.
3. Anders ist nicht besser
Auch in neurodivergenten Communities wird davor gewarnt, die Hierarchie einfach umzudrehen. Neurodivergente Menschen können manches leichter und anderes schwerer – bei nicht-neurodivergenten Menschen ist es genauso.
4. Person & Umwelt müssen zueinander passen
In deutschsprachigen Neurodiversitäts-Communities taucht immer wieder die Idee auf, stärker danach zu fragen, was eine Person tatsächlich braucht und welche Umgebung zu ihr passt, statt jede Schwierigkeit nur in der Person selbst zu suchen.
5. Normen sind nicht die Lösung – Diversität ist es
Ein Gedanke findet sich in verschiedenen Blogs und Foren immer wieder: Die Lösung wäre nicht, Neurodivergenz zur neuen Normalität zu machen. Interessanter wäre eine Gesellschaft, in der Unterschiede selbstverständlich mitgedacht werden.
Also: Unterschiedlichkeit statt Normierung
Eigentlich möchte ich deshalb gar keine Welt, in der Neurodivergenz die neue Norm ist und nicht-neurodivergente Menschen plötzlich die Abweichung darstellen. Passender finde ich eine Gesellschaft, in der dieser eine Nullpunkt weniger wichtig wird.
Denn auch das, was heute als nicht-neurodivergent gilt, bringt nicht nur Vorteile mit sich. Aus meiner Perspektive können indirekte Kommunikation, Ungenauigkeit, starke Orientierung daran, was eine Gruppe erwartet, oder ein geringerer Blick für Details genauso Schwierigkeiten machen. Nur werden diese Eigenschaften viel seltener als Defizit bezeichnet, weil unsere Umgebung gut auf sie eingestellt ist. Vielleicht wäre es sinnvoller, bei allen Menschen genauer hinzusehen: Was fällt der Person leicht? Was fällt ihr schwer? Was braucht sie von ihrer Umgebung? Und wo kann genau dieselbe Eigenschaft, die an einem Ort Schwierigkeiten verursacht, an einem anderen hilfreich sein?
Dann müssten wir Neurodivergenz vielleicht auch nicht ständig entweder als Störung oder als besondere Gabe erklären. Sie wäre einfach ein Teil davon, wie unterschiedlich Menschen sind.
Quellen
FORSCHUNG
- McLennan et al. (2025): Neurodiversität in der Forschung und unterschiedliche neurologische Ausprägungen als Teil menschlicher Vielfalt. Zur Studie
- Rafael et al. (2026): Überblick über mögliche ADHS-bezogene Stärken bei Erwachsenen, darunter Kreativität, interessengebundene Aufmerksamkeit, Flexibilität und Energie. Zur Studie
- Damatac et al. (2025): Hochsensibilität, Belastungen und die Bedeutung positiver und negativer Umgebungen. Zur Studie
- Greven et al. (2026): Aktueller Forschungsüberblick zu Sensory Processing Sensitivity und stärkerer Verarbeitung von Reizen. Zur Studie
- Koldas et al. (2025): Barrieren und hilfreiche Bedingungen für neurodivergente Menschen im Arbeitsleben. Zur Studie
- Weber et al. (2022): Bedeutung von Lärm, Licht, Rückzugsmöglichkeiten und anderen Anpassungen der Arbeitsumgebung für neurodivergente Beschäftigte. Zur Studie
- Majeed, Hartanto & Tan (2021): Meta-Analyse zur Frage, ob Dyslexie mit höherer Kreativität verbunden ist. Zur Studie
PERSÖNLICHE ERFAHRUNGSBERICHTE
Die folgenden Beiträge und Seiten dienen als Anregung und Einblick in andere Perspektiven, nicht als wissenschaftliche Nachweise.
- ADxS-Forum: Erfahrungen damit, dass die eigene Vorstellung von „normal“ stark davon abhängt, mit welchen Menschen man sich umgibt. Zum Beitrag
- Institute for the Study of the Neurologically Typical: Satirische Umkehrung diagnostischer Sprache, bei der nicht-neurodivergentes Verhalten als „Störung“ beschrieben wird. Zur Seite
- Wikonire: Gedankenexperiment über nicht-neurodivergente Menschen in einer neurodivergent geprägten Gesellschaft. Zum Beitrag
- ADxS-Forum: Diskussion darüber, warum Neurodivergenz weder besser noch schlechter sein muss und eine umgekehrte Hierarchie ebenfalls problematisch wäre. Zum Beitrag
- Verband Neurodiversität: Perspektive auf eine Gesellschaft, in der neurologische Vielfalt weniger in „normal“ und „Abweichung“ eingeteilt wird. Zur Seite
- Neurodive: Deutschsprachige Beiträge zu Neurodivergenz, Anpassung und einer Umwelt, die unterschiedliche Bedürfnisse stärker mitdenkt. Zum Blog
- Autismus-Kultur: Perspektiven auf Eigenschaften, die Einschränkung, Stärke oder einfach eine andere Art zu sein sein können. Zum Beitrag

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